Wir lagen vor Madagaskar, oder: Dein Anker, das Unbekannte Wesen


Moin. Bock auf ein weiteres Gespräch mit Paul Werner? Mich interessierte seine Bemerkung zu den stillen Buchten, die er nach seinen Worten am liebsten links liegen ließ, um stattdessen in lauten Häfen oder umtriebigen Marinas anzulegen und fragte deshalb noch mal nach.
„Ist es in Häfen und Marinas nicht viel lärmender, staubiger und turbulenter als irgendwo in einer stillen Bucht?“ - Er nickte lächelnd.

„Im Prinzip schon, ja. Aber man hat viele Fazilitäten und kann auch mal eine Nacht ins Hotel gehen und in einem nach frischer Wäsche duftenden Bett schlafen. Und was die stillen Buchten anbetrifft, da muss ich Sie enttäuschen. Sobald Sie irgendwo in idyllischer Umgebung liegen, gesellen sich ruck-zuck weitere Yachten dazu. Und später am Abend legt sich mit tödlicher Sicherheit noch ein Kaïk oder Gület direkt neben Sie. So ein Ausflugsboot mit fünfzehn, zwanzig sternhagelvollen Deutschen an Bord, die Sie dann den Rest der Nacht über mit dem gesamten Heino-Repertoire unterhalten: schwarzbraun ist die Haselnuss…Schlimmer als Malle, das braucht keiner, glauben Sie mir. Zum Frühstück gibt’s dann Ankersalat à la Macédoine, der Ihren geplanten frühen Aufbruch zur sechzig Seemeilen entfernten Rückgabe-Marina zunichtemacht. Schließt sich hingegen keiner im Laufe des Nachmittags und Abends Ihnen an, ist es auch nicht gut. Dann beginnt nämlich der Zweifel an Ihrer Brust zu nagen wie der Adler an Prometheus‘ Leber: ist die Bucht vielleicht aus irgendeinem Grunde verrufen? Bildet sich hier nachts etwa schnell eine brodelnde See? Gibt es grobe Fallwinde? Und so weiter….“



„Ankersalat?“




„Ja. Genauer: Ankerkettensalat. Den kriegen Sie allerdings auch im Hafen schneller als Ihnen lieb sein kann. Die Sache ist die, dass man in Nordeuropa für gewöhnlich längsseits am Kai oder an einem Pontonfinger vertäut, in Südeuropa eher einen Buganker ausbringt und sich mit dem Heck an den Kai schmiegt. Man nennt das scherzhaft die römisch-katholische Anlegeweise. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Längsseits vertäuen ist auch für eine ungeübte Crew relativ einfach, nimmt aber viel Platz in Anspruch. Man tut also in Nordeuropa gut daran, Hafen oder Marina früh genug anzulaufen, sonst muss man im siffigsten Teil des Hafenbeckens oder an der äußersten der bereits dort neben einander liegenden Yachten festmachen. Das passt deren Crew meist nicht in den Kram, entspricht aber den Gepflogenheiten, so dass man es Ihnen schlecht verwehren kann. Dergestalt entsteht nach und nach ein sogenanntes ‚Päckchen‘, das unter Umständen sechs, acht Boote und Yachten ganz unterschiedlicher Länge, Breite und Freibordhöhe umfassen kann. Um dann an Land zu kommen, müssen Sie wie eine Gämse über die Stolperdrähte und Aufbauten aller anderen Boote hinwegklettern, immer vorlich, versteht sich, nie achtern vom Cockpit. Den Nachbarn im Vorübergehen in die gute Stube glotzen geht gar nicht. Für die Leute unter Deck hört sich das in jedem Fall an, als wandere eine Herde Büffel zur nächsten Wasserstelle. Die ganze Nacht lauschen Sie garantiert den auf Pfannkuchen-Breite zusammengepressten Fendern, die wie Schweine auf dem Weg zur Schlachtbank quietschen, als wollten sie sich lautstark über die rüde Belastungsprobe beklagen. “

Er lachte.

„In einem winzigen Häfchen an der norwegischen Westküste lagen wir mal außen an einer stählernen schwedischen Ketsch, die innen zur Wärmedämmung vollständig mit Schaumstoff ausgeschlagen war. Und trotzdem hörte man die ganze Nacht lang das nervöse Dauer-Hüsteln des Skippers: immer so in Zweiergruppe, öchö-öchö, wie in der Münchner Tatortfolge mit dem Serienmörder, den sein Hüsteln verrät. Den Schweden hätten wir am liebsten umgebracht.“

Er goss sich eine Tasse Kaffee ein.   

„In Holland und Dänemark, die ja für deutsche Segler quasi um die Ecke liegen, trifft man häufig auf solche Päckchen, weshalb es zumindest die Holländer in der Kunst, sich morgens eigenständig, wenn auch nicht gerade lautlos, aus der Umklammerung der Nachbarn zu befreien, zu wahrer Meisterschaft gebracht haben: da eine Leine lösen, dort eine andere anheben, wieder festmachen und lecker auslaufen. In Marstrand, schwedische Westküste, lagen wir einst ganz innen in so einem Päckchen, das fast wie eine Pontonbrücke unglaublich weit ins Fahrwasser ragte. Als wir morgens früh starten wollten, um den Oslofjord zu erreichen, löste ich als erstes die elend lange Landleine des äußersten Bootes, damit wir sie übernehmen, nach achtern geben, am Nachbarn festmachen und abfahren konnten, wie ich es in Holland gelernt hate. Kaum hatte ich das Ding in der Hand, drückte die einkommende Tide plötzlich die ganze ‚Pontonbrücke‘ sutsche an der äußeren Spitze angreifend nach achtern. Ich kriegte den Schreck meines Lebens und beeilte mich natürlich, die Landleine sofort wieder am Poller zu belegen, sonst wäre der ganze Verband geschlossen, aber ohne uns, bis nach Göteborg vertrieben worden. Was jetzt im Grunde auch nicht so schlimm gewesen wäre. Göteborg ist schließlich eine schöne Stadt.“



„Klingt nicht so ohne….“ - Er lachte erneut.

„Nein, ist es nicht. Als wir mal von Sandefjord, Norwegen, aufbrachen, fiel einem Crewmitglied, das eine halbe Stunde später über Bord pinkelte, plötzlich auf, dass an unserer Steuerbordseite sieben winzige Fender hingen. Als hätten über Nacht die sieben Zwerge bei uns angelegt. Wir hatten zwar beim Ablegen neben uns ein langes, sehr niedriges Boot vom Typ Schärenkreuzer gesehen, uns aber nichts weiter dabei gedacht. Zum Denken war es sowieso viel zu früh gewesen. Da nun der auf Kante genähte Schärenkreuzer kaum Freibord hatte und weder Klampen noch eine Reling besaß, hatte seine Crew die Spielzeug-Fender an langen Bändseln in unseren Speigatts aufgehängt, wo wir sie von Deck aus nicht sehen konnten. Erst als der Typ unterwegs an die Reling trat, um den pH-Wert  des Skagerrak kippen zu lassen, staunte er nicht schlecht, unter sich diese Fender wie rote Schafshoden baumeln zu sehen. Wir mussten also noch mal umkehren und die vollgepinkelten Dinger ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgeben.“

„Da werden die sieben Zwerge sicher außer sich vor Freude gewesen sein?“

„Keine Ahnung. Auf den Schärenkreuzern kannst du ja zu mehreren nicht schlafen, deshalb waren die alle zu Schneewittchen nach Hause gegangen.“

„Aber das spricht doch eigentlich alles fürs Ankern, wenn ich es recht sehe….“




„Gemach, dazu kommen wir noch. Irgendwo frei zu schwojen, wie man seemännisch sagt, hat auch seine Tücken. Zumal dann, wenn man an bestimmten, nahezu unumgänglichen Knotenpunkten, wie zum Beispiel in der Bucht von Deshaies an der Nordwestküste von Guadeloupe, mit vielen nach und nach eintreffenden Ankerliegern rechnen muss. Dann gilt es nämlich abzuwägen, wieviel Kette oder Leine man ‚steckt‘, also mit dem Anker ausrauschen lässt. Steckt man zu wenig, läuft man Gefahr, dass die Yacht bei auffrischendem Wind vertreibt. Denn gehalten wird ein Boot ja weniger vom Anker, als vom Gewicht der Kette oder Leine, die grob etwa zur Hälfte ihrer Gesamtlänge am Boden liegen sollte, um den Reibungswiderstand zu nutzen. Der Anker sorgt nur dafür, dass das meerseitige Ende der Kette oder Leine bleibt, wo es ist.


Steht die Kette erst mal auf und nieder, hält der Knopf die Hose nicht mehr. Das macht das Ankern aus Santorin zum Beispiel so schwierig, weil der Meeresgrund in der Kaldera nur wenige Meter vom Land entfernt sofort steil abfällt. Dann ankern Sie auf dreißig Meter Tiefe - normal sind sechs bis zehn - und der Schlickhaken hält trotzdem nicht, weil die Kette zu vertikal steht. Oder die Ankerfluken verhaken sich unter einem Felsbrocken. Dann hält das Ding wie eine Eins, weigert sich aber, am Morgen wieder hochzukommen. Dann müssen Sie mit der Kette im Schlepp die Gegenrichtung einschlagen und volle Kraft rückwärts laufen. Entweder, Ihr Anker kommt frei oder Sie verlieren die vordere Hälfte Ihrer Yacht.“

„Aber, im Prinzip, je länger die Kette, desto besser?“

„So einfach ist das nicht. Die Yacht liegt ja nicht reglos da wie ein gefällter Baum auf der Wiese, sondern ‚fährt‘ aufgrund des Windwiderstandes von Rumpf und Aufbauten mal nach links, dann nach rechts, treibt bis zum Anschlag nach achtern oder schnellt bei plötzlich nachlassendem Wind unter dem Kettenzug wieder nach vorn. Das nennt man, wie gesagt, schwojen. Je mehr Kette man gesteckt hat, desto größer wird der potenzielle Schwojkreis, logisch. Liegen dann andere Yachten oder auch Klippen innerhalb dieses imaginären Kreises, besteht Kollisionsgefahr.“

„Du liebe Güte. Ich bekäme die ganze Nacht kein Auge zu.“ - Er nickte.

„Das können Sie laut sagen. Ich habe mir manche Nacht auf Ankerwache um die Ohren schlagen müssen. Besonders unerwünscht sind Katamarane. Die liegen ja mehr auf dem als im Wasser und schwojen daher ganz besonders inbrünstig. In Marinas sieht man sie ähnlich gern wie korpulente Flugpassagiere in der Holzklasse, weil sie mindestens zwei Plätze auf einmal beanspruchen. Und dann haben wir noch nicht einmal über tidenabhängige Gewässer gesprochen.“

„Wieso? Ich meine, wo liegt das Problem?“

„Nun, die Fluken Ihres Ankers haben sich normalerweise so in den Meeresgrund eingegraben, dass sie die Yacht mit der Kette gegen die Stromrichtung halten. In Tidengewässern kippt der Strom aber spätestens sechs Stunden später. Die Kette dreht sich dann mit, nicht aber die Fluken. Der Anker, jetzt plötzlich von der anderen Seite belastet, verliert seinen Halt und beginnt, über Stock und Stein zu rutschen und zu hoppeln. Das Boot geht auf Partnersuche.“

„Ohne, dass man es merkt?“

„Erfahrene Skipper haben einen Hundeschlaf und hören das am Ruckeln der Kette und checken sofort, ob die Peilungen markanter Punkte am Ufer, die sie notiert haben, noch stimmen. Außerdem hat man heutzutage automatische sogenannte Ankerwachen-Funktionen am Lot oder am GPS, die Alarm schlagen, sobald sich Wassertiefe oder geographische Koordinaten des Standorts geringfügig ändern.“

„Kann man das verhindern?“

„Klar, man kann die Alarmfunktion ausschalten.“

„Nein, ich meine das Rutschen des Ankers.“

„Kann man, indem man zwei Anker ausbringt. Die muss man natürlich erst mal an Bord haben. Fahrtenyachten besitzen meist einen zweiten, etwas leichteren Anker, Rennyachten während mehrtägiger Rallys vorschriftswidrig oft nicht mal einen. Wie man die beiden Anker ausbringt, hängt davon ab, wieviel Platz man zu seiner Verfügung hat. Liegt man in einer engen Lagune oder in einem schmalen, tidenabhängigen Flussabschnitt, muss man einen Bug- und einen Heckanker ausbringen und die Ketten oder Leinen vorn und achtern belegen, was schon nicht ganz so einfach ist. Dann muss man hoffen, dass beide halten. Hat man mehr Platz, kann man das Schiff vermuren, eine etwas kompliziertere Technik, die ich als junger Kadett auf dem Schulschiff Deutschland gelernt habe. Wir lagen damals vor der Hafenstadt Guayaquil, Ekuador, auf dem sehr breiten Rio Guayas. Erstaunlich, wie weit der Einfluss der Tide sich auf manchen Flüssen bemerkbar machen kann. Da sind Elbe oder Weser noch gar nichts. Der Hudson, der Manhattan von New Jersey trennt, bleibt zum Beispiel über mehr als 150 Meilen bis zur ersten Schleuse tidenabhängig. Auch die Themse kommt und geht bis weit über die Tower Bridge hinaus. Die Deutschland, damals das modernste Schulschiff der Welt, wies eine Verdrängung von verträumten 5000 Tonnen auf. Das klingt vielleicht läppisch, weil wir an die wesentlich höheren Zahlen für Supertanker oder Containerschiffe gewöhnt sind. Deren Tonnage-Anhaben bezeichnen jedoch den Rauminhalt. Da Kriegsschiffe kein Getreide transportieren, interessiert nicht deren Fassungsvermögen, sondern das Geschwindigkeitspotenzial, das seinerseits eine Funktion, unter anderem, des Gewichts ist. Bei Wasserfahrzeugen nennt man das Gewicht nach dem Archimedes-Prinzip eben ‚Verdrängung‘. Und so gesehen, sind 5000 Tonnen eben doch eine ganze Menge Holz. Und so breit der Fluss auch war, hatte er rechts und links durchaus seine Ufer.“


„Und das…Vermuren?“

„Sieht so aus, dass man erneut einen Bug- und einen Heckanker ausbringt, die beiden Ketten aber nicht vorn und achtern belegt, sondern etwa in der Mitte zwischen beiden Ankerpositionen durch eine Art Wirbelschäkel miteinander verbindet. Dieser Schäkel hängt dann auf der anderen Seite an einer dritten Kette, die am Bug belegt wird. So kann das Schiff, obwohl nur an einer Kette hängend, sich jederzeit frei im Rhythmus des wechselnden Tidenstroms drehen, wie es will, ohne die mit den Ankern verbundenen Ketten zu vertörnen.“

„Das alles von Bord aus zu bewerkstelligen, ist dann aber schon die hohe Schule?“

„Sicher, die nautische Entsprechung der Lipizzaner-Pirouette. Man braucht Ketten ohne Ende, eine gute Crew und Bootsleute mit viel Erfahrung, sonst geht das Ding garantiert in die Hose und der Kommandant hat sich im Angesicht Hunderter am Kai versammelter Gaffer lächerlich gemacht. Das vergessen Kapitäne nicht so schnell. Ein paar Leute an Bord werden dann länger als allgemein üblich auf ihre Beförderung warten müssen. Wenn’s hingegen reibungslos gelingt, winkt eine beförderungswirksame Belobigung im Logbuch. Als popeliger Kadett für den Kombüsen-Abwasch eingeteilt, hatte ich unter Deck das Manöver zunächst gar nicht mitbekommen. Während der Freiwache machte ich es mir dann etwas später neben einem Geschützturm an Steuerbordseite gemütlich und las ein Buch. Als ich irgendwann hochblickte, war das Panorama der Hafenstadt demjenigen des sumpfigen Regenwaldes gewichen. Ich raffte nicht sofort, dass sich nicht die Landschaft, sondern das Schiff unmerklich gedreht hatte und dachte schon, ich halluziniere. Als ich es endlich begriff, hätte sich das Karussell, wenn es nach mir gegangen wäre, ewig so weiterdrehen, die Zeit dann und dort stillstehen dürfen. Doch irgendwann holte mich das schrille Signal der Bootsmannspfeife wieder in die Wirklichkeit zurück.“

„Apropos Pfeifsignal, ich glaube, ich höre mein Teewasser brodeln. Danke soweit für das Interview. Vielleicht können wir den Rest ein andermal…“

„Klar, Betty, wann immer Sie an mir vermuren wollen.“

Ich bin nicht ganz sicher, wie er das gemeint hat, nehme aber an, dass er, ganz Gentleman, keine Hintergedanken dabei hatte. Muss ich mal googeln. Bis die Tage, eure Betty.